Entstehung und Entwicklung

Die Steinbrüche in Neudorf



Erinnerungen von Karl Keller, Schneeberg

Um die Jahre 1895 -96 machte sich die Wassernot in Neudorf wieder sehr stark bemerkbar. Der Gemeindebrunnen und der sogenannte Kreuzbrunnen (letzterer am alten Verbindungsweg nach Reichartshausen), auch einige noch vorhandene Privatbrunnen konnten den notwendigsten Verbrauch an Wasser für Mensch und Vieh nicht liefern. Der damalige Bauer Josef Schwab und sein Vater (erster Hof von Schneeberg aus) beschlossen, neben ihren vorhandenen Privatbrunnen noch einen weiteren zu schaffen. Unweit des Hochbehälters der jetzigen Wasserleitung befand sich eine feuchte Stelle. Dort versuchte man den Brunnen zu graben. Bei einer Tiefe von etwa 5 m stießen die Arbeiter auf Felsen. Sie sprengten einige Lagen heraus und bei einer Untersuchung ergab sich seine Brauchbarkeit.

Nachdem die Steinbrüche auf der Wenschdorfer Höhe schon in Betrieb waren, wurde der Fund schnell bekannt. Die Firma Holzmann von Frankfurt (Zweigstelle Bürgstadt) und die Herren Jung & Zeller, Miltenberg, unternahmen auf einem Gelände von etwa 4o ha Ausdehnung die Erforschung der besten Lagen. Die Untersuchungen zogen sich in das Jahr 1897 hinein.

Der Schreiber dieser Zeile war damals kaum 10 Jahre alt. Er trug in der Mittagspause von 11 - 12 Uhr seinem Onkel das Mittagessen nach Neudorf und war um 12 Uhr wieder in Schneeberg in der Schule. Als die Woche herum war, erhielt er für seine Leistung einen Stundenlohn von 0,30 Mark.

Anschließend begann der Geländeerwerb. Von beiden oben genannten Firmen wurden etwa 26 ha aufgekauft. Zuerst das, wo man die besten Steine vermutete, dann das nötige Schüttgelände und die Zu- und Abfuhrwege. Teilweise wurde der Weg gemeinschaftlich betrieben. Später hatte sich erwiesen, da der Bau des Weges für beide Brüche große Nachteile hatte, ganz besonders auffallend traf dieses bei der Firma Holzmann zu.

Am Ende des Einschnittes lag der Weg und der Kanal etwa 5 m zu hoch. Der Nachteil war dann, dass man nur sehr schwer an den gesunden Felsen herankam, denn derselbe lag tiefer. Unmöglich wurde das: Herausheben der Steine dadurch, weil sich das Wasser staute und die Klüfte mit fester Solte verschlossen waren.

Ware man unter den Kanal gegangen, dann hätte man die besten Steine von Neudorf (Sohl) gefunden. So legte man nach etwa neunjährigem Suchen den Betrieb still. Die Firma Jung & Zoller war beim Ausschachten des Einschnittes (als Ausfahrt) auch etwas zu hoch geblieben, man stieß jedoch beim Vorwärtsdringen auf gutes geschlossenes Material mit einwandfreier Struktur. Als man entdeckte, dass die besten Lagen tiefer lagen, entschloss man sich für eine Absauganlage. Man legte an einer seitlichen Stelle einen Schacht an, in dem sich das Wasser sammelte und versah ihn mit einem Sauger; derselbe wurde in entsprechender Tiefe mit einer Pumpe angezogen und das Wasser lief solange durch das Rohr bis der Schacht leer war. Ganz zufällig beuteten sie schon die ersten Jahre die besten und die am wirtschaftlichsten gelegenen Steine aus, sodass es schon frühzeitig für sie eine gute Rendite ergab.

Die Steine mussten etwa 7 Jahre lang auf der alten Neudorfer Steige abgefahren werden. Zur Instandhaltung derselben mussten täglich einige Mann bereitgestellt werden. Erst im Jahre 1905 baute die Firma Jung & Zeller die Drahtseilbahn von Neudorf nach Schneeberg. Die Antriebskraft war der beladene Wagen, der den leeren den Berg hinaufzog. Außerhalb Schneeberg wurde ein Industriegeleis angelegt und die Steine wurden in den Eisenbahnwagen geladen.

Zu dieser Zeit stand der Betrieb in voller Blüte, zumal man jetzt Abfalle wie Mauersteine und dergl. billiger verladen konnte. Sogar beim Kirchenbau in Rippberg sind Mauersteine per Bahn nach dort gekommen. Bis Kriegsausbruch 1914 ging es noch gut, 1915 mussten die Geleise der Bergbahn und die nicht unbedingt benötigten im Steinbruch an die Heeresverwaltung abgeliefert werden.: Dieselben wurden als Feldbahngeleise benötigt. (Der erste Weltkrieg war kaum motorisiert. Die Pferde waren noch die Hauptzugkraft. Die Geschütze die Munition.) Die Steine wurden dann auf der 1909 fertiggestellten Straße Neudorf - Amorbach wieder mit Pferdegespann transportiert.

Arbeiter im Steinbruch Neudorf (Abteilung Roscheklinge/Gottersberg) um 1904

Schon im Jahre 1907 machte sich ein Rückgang im Rotsandstein bemerkbar. Das Auffingen neuerer Bauweisen gab dem Muschelkalk den Vorzug. So wurde im Raume um Miltenberg in dieser und folgender Zeit überwiegend Muschelkalkstein verarbeitet, der ab Walldürn bis über Würzburg hinaus gewonnen wurde. Das Nachlassen ging weiter bis in den Krieg hinein. Was dann im Krieg noch an Fachkräften vorhanden war, wurde zur Herstellung von Säuretrögen und dergl. für chemische Fabriken beschäftigt. Mit Kriegsende hörte auch dieses auf und die Steinbrüche lagen von da an still. Auch die Bautätigkeit lag die ersten zwei Jahre nach dem Kriege sozusagen still. Die größeren Firmen konnten nur in. ganz geringem Umfange Auftrage erhalten. Aber auch zu dieser Zeit gab es Möglichkeiten, wenn auch in geringem Umfang, den Betrieb wieder anrollen zu lassen. Derjenige, der nach seiner Kriegsentlassung, nachdem er seine Habe abgelegt hatte, sofort den Zeichenstift in die Hand nahm und vom kleinsten Kriegergedenksteinchen angefangen, bis zu den gangbarsten Gruppendenkmälern entwarf, dieselbe vervielfältigte und an die Interessenten vermittelte, konnte die Zeit bis zum Einsetzen der Bautätigkeit überbrücken.

Der Steinbruch in Neudorf lag vom Kriegsende bis zu dem Jahre, 1923 sozusagen still. Ende 1923, als die Währung wieder stabil wurde, entschloss sich die Firma Jung & Zöller den Steinbruch zu verkaufen. Herr Picharth aus Hagen (Westf.), der außer der eigenen Herstellung einen regen Handel in Schleifsteinen betrieb, zeigte Interesse an dem Kauf. Im Einvernehmen mit der Fa. Jung & Zöller ließ er einige Probesteine, (im Gewicht von 5 - 7 Tonnen schwer das Stück) herstellen. Dieselben wurden von der Firma Kruppin Essen für brauchbar erklärt. Anschließend kam es zum Kauf. Es entwickelte sich ein reger Betrieb. Die Facharbeiter, die vom Krieg arbeitsfähig heimkamen, fanden wieder Arbeit. Dieselben mussten sich etwas umstellen, da die Gewinnung und Bearbeitung der Schleifsteine anders lagen, als wie bei den Bausteinen. Es wurden Schleifsteinen von den kleinsten bis zu den großen (wie oben angeführt) hergestellt.

Bei den großen Steinen gab es noch gute Abfall, die man noch für Bausteine verarbeiten konnte. Mauersteine und Wegbausteine fielen auch bei den Abfällen mit an. Bevor der Kauf mit der Firma Pikarth getätigt wurde, überließ mir Fa. Jung & Zöller einen kleinen Abschnitt zur Ausbeute. Mehrere Kirchen- und Kommunalbauten, auch Privatbauten und Denkmäler ermöglichten mir die Ausbeute dieses Abschnittes in einer Frist von 10 Jahren.


Anmerkungen

Karl Keller (1887-1969) war von Beruf Steinmetzmeister, hatte ein Steinmetzgeschäft und er war Wirt des Gasthauses „Zum Hirsch“ in Schneeberg. Er hatte viel heimatgeschichtliches Wissen. In den 1960er Jahren bat er seinen Sohn Reinhold Keller (1923-1992) dieses Wissen niederzuschreiben. Reinhold Keller fertigte dann nach den Erzählungen seines Vaters folgende „Erinnerungen von Karl Keller“:

  Gründung der Musikkapelle Schneeberg 1868
  Entstehung und Entwicklung der. Steinbrüche in Neudorf, Ldkr. Miltenberg
  Eisenbahnbau Amorbach - Walldürn
  Besitzer vom Gasthaus „Zum Hirsch“, Schneeberg, seit 1800

Im Jahr 1985 übergab mir Reinhold Keller Kopien der vorgenannten „Erinnerungen von Karl Keller“, weil ich heimatgeschichtliches Interesse hatte. Es ist mir nicht bekannt, ob weitere Ausfertigungen der „Erinnerungen“ im Umlauf sind. Es ist aber sicher im Sinne von Karl und Reinhold Keller, dass diese interessanten heimatkundlichen Berichte weitergegeben werden, so dass dieses heimatkundliche Wissen nicht verloren geht.

Schneeberg, April 2019, Eduard Götzinger (*1950)
  • Autor: Karl Keller (Juni 1962)
  • Konzeption: Bernhard Pfeiffer
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